Eisschmelze – 
Stimmen der Vergangenheit 

Franziska Mahlmann & Thomas Harbich 

Stimmen der Vergangenheit im Altenberger Eiskeller 

Tief unter dem Borndal in Altenberge liegt ein Ort, an dem Geschichte, Architektur und Kunst zu einer besonderen Erfahrung verschmelzen: der Eiskeller der ehemaligen Bierbrauerei Gebrüder Beuing. Einst diente er der Kühlung von Bier, heute ist er ein begehbares Denkmal und ein Raumkomplex, der in unregelmäßigen Abständen auch für Musikaufführungen, Kunstausstellungen, Lesungen oder Klangkunstprojekte geöffnet wird. 

Im Rahmen seines Projekts Klangwelt Kreis Steinfurt nahm der österreichische Medienkünstler Hans-Jürgen Poëtz diesen außergewöhnlichen Ort zum Ausgangspunkt seiner Arbeit, erforschte die akustischen Spuren der Vergangenheit und verwandelte den historischen Keller in einen Resonanzraum für Klang und künstlerische Reflexion. 

Vor der Erfindung industrieller Kälteanlagen dienten Eiskeller der Lagerung verderblicher Nahrungsmittel. Auch die Eiskelleranlage in Altenberge geht auf diese Bautradition zurück. Im Jahr 1860 erwarben die Brüder Johann Hermann und Franz Beuing das Anwesen am Berghang des Borndals und stellten am 1. Februar 1860 den Antrag auf den Bau einer untergärigen „bayerischen“ Bierbrauerei. Bereits am 31. Januar 1861 begann die Produktion. 

Das zur Kühlung benötigte Eis wurde im Winter auf den überschwemmten Wiesen des Borndals gewonnen und mit Pferdefuhrwerken in die unterirdischen Keller gebracht. Die Kapazität der Anlage betrug über 900 m³. Durch die Eisfüllung entstand in den Gär- und Lagerkellern eine konstante Temperatur zwischen zwei und sieben Grad, welche für die Herstellung von untergärigem Bier benötigt wird. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Brauerei um einen weiteren Lagerkeller und einen zweigeschossigen Eiskeller erweitert, Teile davon jedoch 1904 wieder abgerissen. 

Die Weltwirtschaftskrise zwang Alfred Beuing, den Sohn Johann Hermanns, die Brauerei 1929 zu verkaufen. Die Gebäude wurden später für eine Kornbrennerei genutzt, die bis 1980 Bestand hatte. Danach gerieten die Keller in Vergessenheit, verborgen, feucht und dunkel. Erst nachdem die Gemeinde Altenberge das Gelände erwarb, wurden sie freigelegt, restauriert und 1996 unter Denkmalschutz gestellt. Nach umfangreichen Baumaßnahmen konnten die Eiskeller im September 2004 als begehbares Denkmal wiedereröffnet werden. 

Heute kann die dreigeschossige Gewölbeanlage ganzjährig im Rahmen von Führungen über die Gemeinde Altenberge besichtigt werden. Beim Rundgang durch die kühlen Gewölbegänge gewinnt man einen lebendigen Eindruck davon, wie hier einst das Eis lagerte und das Bier reifte. In den Wintermonaten vom 1. Oktober bis 30. April wird das Untergeschoss zum Rückzugsort für Fledermäuse. Dann bleibt der Keller teilweise geschlossen, was der besonderen Atmosphäre des Ortes jedoch keinen Abbruch tut. 

Am 13. September 2025 fanden die Besucherinnen und Besucher durch den Eingang zum untersten Lagerkeller Einlass in das dunkelrot geziegelte Gewölbe, um in Poëtz‘ Klanginstallation Eisschmelze einzutauchen. Seine Klang-Raum-Intervention machte die physische Präsenz des Ortes, seine Feuchtigkeit, seine Temperatur, seine Geschichte, zum zentralen Akteur. 

Genau dort befand sich schon früher, vor der Instandsetzung und Umwandlung zum musealen Bauwerk, der versteckte Eingang in die Keller. So manche Altenberger Kinder überschritten damals diese Schwelle als Mutprobe, um vor ihren Freunden nicht als „Angsthasen“ zu gelten. Die Keller lagen damals in völliger Dunkelheit und wirkten geheimnisvoll und unberechenbar. Heute weist eine Rampe aus Beton und ein sanft beleuchteter Holzsteg den Weg durch das Gebäude. Und doch lässt sich das Gefühl jener jugendlichen Mutproben noch immer nachempfinden: Das Licht bleibt gedämpft, man tritt durch eine schwere Stahltür ins Dunkel und wird sofort von einer spürbar kühleren, feuchten Luft empfangen. 

Dieser Moment des Eintritts vermittelte auch am Ausstellungstag ein intensives Gefühl des Eintauchens: in Vergangenheit, Dunkelheit und Klang. Mehrere Regentage waren dem Ereignis vorausgegangen, die Ziegelwände glitzerten vor Feuchtigkeit, Wasser sammelte sich auf den Stufen, Tropfen hallten von den Gewölben wider. Diese natürliche Akustik wurde Teil von Poëtz’ Komposition. 

Wo auch immer sich die Besucherinnen und Besucher innerhalb des dreistöckigen Gebäudekomplexes befanden – in den gewölbten Lagerkellern, im ältesten runden Eiskeller oder in der großen Halle, die einst bis fast zur Decke mit Eis gefüllt war – erklangen Tropfgeräusche, Wasser gurgelte oder floss, auch Klänge von brechendem Eis waren zu hören. Mal sanft und fließend, mal eruptiv und laut entfalteten sich die unsichtbaren Klänge aus allen Richtungen und Öffnungen und machten die Geschichte des Kellers, die Energie des Eises und die besondere Atmosphäre des Ortes sinnlich erfahrbar. 

Mehr als hundert Menschen erlebten an diesem Nachmittag ein Ambiente zwischen archaischer Stille und vibrierender Gegenwart. Der Eiskeller wurde zu einem Ort, an dem Geschichte nicht nur hörbar, sondern körperlich spürbar wurde – ein Raum mit Atem, durchdrungen vom Echo der Vergangenheit. So zeigte sich der Eiskeller Altenberge einmal mehr als das, was er heute ist: ein Resonanzraum zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Natur und Kunst. 

 

 

Franziska Mahlmann ist Kultur- und Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Altenberge. Sie hat Publizistik und Ethnologie studiert und lebt seit 2004 mit ihrer Familie in Altenberge. 

Thomas Harbich ist seit 2009 Eiskellerführer und Sprecher des elfköpfigen Teams der ehrenamtlichen Eiskellerführer:innen. Er ist Vorstandsmitglied des Heimatvereins Altenberge und lebt seit seiner Geburt in Altenberge.