Klänge machen einen Raum
unmittelbar erfahrbar
 

Sarah Alberti im Gespräch mit Hans-Jürgen Poëtz

„Klangwelt Kreis Steinfurt“ ist ein partizipatives, ortsspezifisches und multidisziplinäres Kunstprojekt von Hans-Jürgen Poëtz. In Kooperation mit Bewohner:innen hat er für jede Kommune eine charakteristische Klangwelt entwickelt. Im Gespräch mit der Autorin und Kunsthistorikerin Dr. Sarah Alberti erläutert er die topografische, örtliche und historische Identität des Landkreises und geht auf die besonderen Entstehungsumstände des Projektes ein.  

 

Herr Poëtz, was können Klänge über einen Ort erzählen, was Bilder nicht können?

Hans-Jürgen Poëtz: Ich mag die Idee, den Betrachter nicht vor das Bild zu setzen, sondern in das Bild – in den Raum selbst. Klänge bringen uns in eine körperliche Nähe, die Bilder nicht leisten. Sie umhüllen uns, sie versetzen den Raum in Schwingung und machen ihn unmittelbar erfahrbar. Wenn wir beide uns unterhalten, höre ich ihre Stimme nicht nur einmal, sondern hundert, wenn nicht tausend Mal. Es gibt unterschiedliche Wellenfelder: Die erste Welle kommt von vorne und signalisiert ihre Position, gleichzeitig hören sie sich von hinten, ihre Stimme umhüllt sie und mich gleichermaßen. Dieses Gefühl des Umhüllens ist zentral für Schall. Klang vermittelt, wie ein Ort sich anfühlt.  

 

Was hat Sie als österreichischen Medienkünstler dazu bewogen, sich ausgerechnet mit dem Kreis Steinfurt auseinanderzusetzen?

2022 wurde ich eingeladen, die akustische DNA des Semmerings zu erforschen und die klangliche Essenz dieser Bergregion in Österreich herauszufiltern. Daraus entwickelte ich grundlegende Fragen: Lässt sich eine solche akustische Analyse auch auf eine größere Region übertragen? Können die sehr unterschiedlichen klanglichen Charaktere mehrerer Orte zu einem stimmigen Gesamtbild verbunden werden? Und welche Bedingungen braucht es, um ein Projekt dieser Größenordnung überhaupt umsetzen zu können? Mit der Ausschreibung zum Projektstipendium „KunstKommunikation25“ am DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, eröffnete sich ein Jahr später ein idealer Rahmen, um diesen Fragen nachzugehen. Das Jahresstipendium gab mir den nötigen zeitlichen und finanziellen Raum. Die Auseinandersetzung mit ortsspezifischen Kontexten ist ein zentraler Bestandteil meiner künstlerischen Arbeitsweise und solche Förderformate sind entscheidend, um Projekte dieser Dimension überhaupt entwickeln zu können. 


Wie erlebten Sie die Region, was zeichnet sie aus? 

Beim Kreis Steinfurt handelt sich um eine ländliche Region mit verbindenden, aber auch sehr verschiedenen Geschichten. Er ist dicht besiedelt und zugleich von weiten, offenen Landschaften mit wenigen Erhebungen geprägt. Viele Spuren traditioneller Handwerke und historischer Erzählungen sind noch sichtbar, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit durch die industrielle Entwicklung verändert haben oder verschwunden sind. Die ländliche Infrastruktur zeigt sich dabei durchaus ambivalent – einerseits funktional und beständig, andererseits spürbar herausgefordert durch weite Wege und strukturelle Veränderungen. Auffällig ist zudem die hohe Dichte an Krankenhäusern und Versorgungseinrichtungen. Sie verweist auf eine Region, die sich stark um soziale Infrastruktur bemüht. Immer wieder hörte ich den Satz: „Entweder man geht mit der Zeit, oder man geht mit der Zeit“. Dabei schwang oft eine leise Melancholie mit, die die Region auf subtile Weise prägt. 


Was macht die Region für Sie klanglich interessant?

Die Natur spielt eine starke Rolle. Vor allem das Wasser mit seinen vielen Bächen, Kanälen und Seen, aber auch der Wind, der über die freien Flächen zieht und Wetterveränderungen ankündigt. Diese raschen, häufigen Wechsel prägen die Atmosphäre der Region deutlich. Daneben mischt sich selbst an abgelegenen Orten das Rauschen der Straßen mit dem allgegenwärtigen Vogelgesang und dem Wind in den Bäumen: mal wie ein Gespräch, mal wie ein Streit, mal wie ein Monolog. Sprachlich weht im Münsterländer Platt zudem ein feiner Hauch Niederländisch mit. All das macht den Kreis Steinfurt für mich zu einem vielschichtigen, akustisch wie kulturell spannenden Raum.


Nach welchen Kriterien haben Sie die 24 Orte ausgewählt? 

Ausgangspunkt meiner Arbeit ist eine Haltung der Aufmerksamkeit und natürlich Neugier. Um für die 24 Kommunen eine jeweils eigene akustische Signatur herauszuarbeiten, habe ich zu Geschichten, Menschen, Natur, Technik, Gebäude, Objekte sowie alltäglichen und besonderen Aktivitäten recherchiert. Ziel war es, Klangorte zu finden, die weniger einen geografischen Punkt markieren, sondern vielmehr auf zentrale Themen der Region verweisen. Der Bioenergiepark Saerbeck steht etwa sinnbildlich für technischen Fortschritt, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und energetische Unabhängigkeit. Das Autobahnkreuz in Lotte verweist auf Bewegung, Infrastruktur und auf den nahezu überall präsenten Verkehr, der die Region akustisch stark prägt. Das Naturschutzgebiet „Heiliges Meer“ in Hopsten repräsentiert Erholungsraum und Freizeitaktivitäten und trägt zugleich eine geheimnisvolle Note, denn der Legende nach liegt ein versunkenes Kloster in seinen Tiefen. Die Auswahl der Klangorte aller 24 Städte und Gemeinden wurde zudem aufeinander abgestimmt, um sie zu einem Gesamtklangbild zu arrangieren, das sowohl Überschneidungen als auch Kontraste zulässt und in Relationen zueinander ein akustisches, typisches Geflecht für das Kreisgebiet erzeugt. Das Vorhandene ist dabei nicht passives Material, sondern stets Mitautor. So eröffnen sich im Prozess – im aktiven Tun – die jeweiligen Klangwelten, die aus einer Mischung von künstlerischer Erfahrung und sinnlicher Wahrnehmung für mich die klanglich spannenden Zustände formen.


Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den lokalen Akteur:innen und Institutionen vor Ort?

Auf meiner Reise bin ich zahlreichen Menschen begegnet, wurde überwiegend mit offenen Ohren empfangen und durfte dabei wunderbare Einblicke in verschiedenste Lebenswelten gewinnen. Ich konnte live bei einer Knie-OP dabei sein, eine besondere Führung durch die Saline „Gottesgabe“ genießen, mit einem Chor, dem „Nordwalder Kiepenkerlchor“, in das Münsterländer Platt eintauchen, einem Bäcker nachts bei seiner Arbeit über die Schulter schauen, Einblicke in die Produktion von Popcorn gewinnen oder in einem alten Eiskeller ein ortsspezifisches Raumstück entwickeln, um die Spuren der Vergangenheit akustisch wieder sichtbar zu machen. 


Wie gehen Sie bei der akustischen Erkundung vor? Welche Aufnahmetechniken und welches Equipment nutzen Sie?

Bei der akustischen Erkundung gehe ich sehr ortsbezogen vor. Ich recherchiere, besuche die potenziellen Orte, führe Gespräche und erkunde die Möglichkeiten. Für die Aufnahmen spielt vor allem das Suchen, Erforschen und Experimentieren mit der Umgebung eine zentrale Rolle. Dabei nutze ich ein mobiles Aufnahmegerät, das mit verschiedenen Mikrofonen bestückt werden kann – etwa Kontaktmikrofone, ein Geophon, ein Stereomikrofon, ein Unterwassermikrofon und ein spezielles Raummikrofon. So lassen sich fokussierte, räumliche und oft verborgene Schwingungen einfangen. Zusätzlich habe ich immer eine Kamera für Foto- und Videoaufnahmen dabei, um visuelle Eindrücke der Orte zu dokumentieren. Die Abläufe sind dabei oft sehr unterschiedlich und stark von der Idee und dem jeweiligen Ort abhängig. So existierte etwa beim UKM Marienhospital vorab das Konzept, eine Patientin und einen Patienten von der Blutuntersuchung über die Knie-Operation bis hin zur Physiotherapie akustisch zu begleiten. So fing ich hunderte Klänge ein, die gemeinsam ein vielschichtiges akustisches Bild rund um den speziellen Operationsroboters in der Kniegelenkschirurgie ergeben. Am Campingpark in Wettringen hingegen bin ich stundenlang umhergelaufen und habe schließlich nur das Gurren einer Ringeltaube aufgenommen, weil genau dieses Geräusch den Ort am treffendsten markierte – hier stand die Zeit fast still und das kleinste Geräusch wurde plötzlich bedeutungsvoll. Jeder Platz hat seine eigene Logik und Atmosphäre, von der ich mich leiten lasse. Ein Klang gehört niemandem, er lässt sich nicht besitzen. Er hat kein stabiles Sein und nicht einmal die Gewissheit, im nächsten Moment noch zu existieren. Er erscheint genau jetzt, nur für diesen Augenblick – um dann wieder zu verschwinden. Insofern würde ich sagen, dass die Arbeit mit ortsspezifischen Kontexten immer prozessorientiert verläuft. Erst durch vertiefte Einblicke entwickeln sich die Ideen weiter, bis die Eigenart eines Ortes oder Objekts in seinem spezifischen Zustand deutlich wird. Aus über 40 Stunden Aufnahmematerial entstanden 24 unterschiedliche Klangstücke von 50 Sekunden bis 27 Minuten Länge sowie ein etwa 45-minütiger Klangfilm. So mündet der filmische Blick auf den Campingpark in eine Einstellung, in der sich nur Licht und Wind zu bewegen scheinen. 


Auf der Projektwebsite sind die 24 Kommunen des Kreises Steinfurt verzeichnet. Gibt es Orte, die sich als besonders ergiebig oder überraschend erwiesen haben? Und gab es auch Enttäuschungen?

In der Herangehensweise wurden alle Orte zunächst gleich gewichtet. Doch jeder Ort bringt seine eigenen Parameter mit sich, sodass sich im Arbeitsprozess unterschiedliche Herausforderungen und Möglichkeiten herausbilden. Diese variieren zwangsläufig, abhängig von der Situation vor Ort, vom künstlerischen Ausdruck oder von Kooperationen. John Cage hat es treffend formuliert: „Das Rätsel ist der Prozess.“ Enttäuschungen gab es dabei kaum. Manchmal erfordert es allerdings Geduld, um etwa den Wind in den Blättern der Tecklenburger Weinberge einzufangen. In Wettringen am Campingpark gab es einen kurzen Moment, in dem ich dachte, vielleicht sollte ich den Ort am besten ohne Ton darstellen. Erst im Laufe der Zeit offenbarte sich das omnipräsente Gurren der Tauben als wunderbares Mittel, um diesen Ort akustisch zu markieren. Im Verlauf des Projekts entwickelten sich Vertiefungen an einzelnen Orten – ich nenne sie „Satelliten“ –, die punktuelle Zugänge zum Gesamtvorhaben eröffneten und meine künstlerischen Herangehensweisen erfahrbar machten. Zwei ortspezifische Klanginstallationen sowie ein Happening veranschaulichten dabei exemplarisch meinen Zugang zur klanglichen Findung des Projekts: Die Ausstellung „Eisschmelze“ im Altenberger Eiskeller legte den Fokus auf das Verborgene und zielte auf eine akustische Sichtbarmachung von Spuren der Vergangenheit und ihrer Wirkung in der Gegenwart. Die Installation „Gravenhorster Popcorn“ im DA, Gewölbesaal des Kunsthauses, verwies auf Alltägliches, um Bekanntes und Vertrautes neu erfahrbar zu machen. Das Happening „Ochtruper Nachtigall“ in der St.-Marien-Kirche stand für Klangwelten, die ohne aktive Partizipation nicht entstehen könnten. Ursprünglich bin ich nach Ochtrup gereist, um eine sogenannte „Ochtruper Nachtigall“, eine Gefäßflöte aus Ton, für die Aufnahmen zu besorgen. Nachdem ich zwei Exemplare ausprobiert hatte, wurde schnell klar: Es sind Unikate, jede klingt anders. Aus dem anfänglichen Aufnahmekonzept entstand schließlich ein großes Happening, bei dem viele Menschen gemeinsam in einer Kirche musizierten, um die unterschiedlichen Spielweisen des Instruments zu erkunden, aufzuzeichnen und hörbar zu machen. Auf das Unerwartete zu treffen ist etwas, das man stets erhofft. Besonders schön ist der Moment, in dem man für einen Augenblick von einem Ort oder in dem Fall von einem Instrument fasziniert wird und sofort ein Bild davon bekommt, wie es künstlerisch zu übersetzen ist.


Wie unterscheiden sich städtische und ländliche Klanglandschaften in Ihrer Wahrnehmung?

In der Stadt gibt es aufgrund der dichteren und höheren Bebauung wesentlich mehr Spiegelflächen, die den Klang weitertragen. In einem weitgehend flachen Gebiet wie dem Kreis Steinfurt hingegen verlieren sich Geräusche schnell in der Weite und wirken dadurch langsamer und verhaltener. Ein Beispiel: Der Kreis Steinfurt besitzt aufgrund seines dicht besiedelten Raums ein sehr enges Straßennetz. Man hat beinahe das Gefühl, überall – egal wo man steht – ein Autogeräusch zu hören. Ein omnipräsentes Brummen und Rauschen, nah und fern, laut und leise, das ich wie ein ständiges, unvermeidliches Atmen wahrgenommen habe. In einer Stadt wie Wien hingegen formen die Straßengeräusche eher ein hochverdichtetes, spitzes Cluster. Im urbanen Raum überlagern sich die Klänge mehr zu einem konstanten Rauschen. Es ist zwar lauter, doch ähnlich wie in einem gut besuchten Kaffeehaus erleichtert gerade diese Klangmischung das Gespräch. Die Umgebung wird zu einem akustischen Filter, der nicht mehr einzeln wahrgenommen werden kann. Im ländlichen Raum treffen hingegen viele einzelne Klänge aufeinander, die sich schwerer ausblenden lassen. Je nach Situation entstehen mehr Klangbilder, die sich zwischen starkem akustischem Kontrast und angenehmer Stille bewegen. Am DA, Kunsthaus überlagern sich zwei starke Klanggewebe: Das Rauschen der nahegelegenen Autobahn und das Vogelgezwitscher der Klosteranlage. Tagsüber kämpfen beide umeinander, sie verschmelzen nicht zu einer Einheit, sondern bleiben als zwei konkurrierende Ebenen präsent, in einer ständigen Aufmerksamkeitsspannung, die sich kaum abschalten lässt. Einmal war die Autobahn nach einem Unfall gesperrt und plötzlich hatte das Vogelgezwitscher Raum, sodass man sich fühlte, als befände man sich an einem völlig anderen Ort. Abends wiederum, wenn die Vögel verstummen, kann man in ein beinahe audiovisuelles Konzert eintauchen. Zwischen Atem und Gleiten des Verkehrs tanzen die Lichtpunkte der vorbeiziehenden Autos wie springende Funken durch das Blätterwerk der Bäume und Sträucher. Eigentlich müsste man nur noch eine Couch hinstellen und alles wäre angerichtet für einen poetischen Kinoabend auf dem Land.


Gibt es so etwas wie eine akustische Topografie des Kreises Steinfurt, die Sie herausgearbeitet haben?

Die akustische Topografie des Kreises Steinfurt ist offen, differenziert und kontrastreich. Sie wird geprägt von einzelnen, gut lokalisierbaren Geräuschquellen, die ein feines, räumlich erfahrbares Klanggewebe bilden – im deutlichen Gegensatz zu den verdichteten Klanglandschaften urbaner Räume. Die bezeichneten Klänge der Region werden dabei hinsichtlich ihrer Intensität, Bewegung, räumlichen Wirkung, Lage und ihres Verhältnisses neu zueinander in Beziehung gesetzt. Sie verweisen auf regionale Themen, die Hinweise auf Funktion, Raum oder soziale Zusammenhänge geben. Mein Ziel war, diese akustische DNA des Kreises Steinfurt zu einem Klangerlebnis zu formen. Nicht als dokumentarischer Eingriff, sondern als audiovisuelle Versuchsanordnung, in der durch Verschiebungen und künstlerische Komposition aus dem Vertrauten etwas Neues entsteht.


Das Prinzip der Verschiebung scheint zentral zu sein: Bilder eines Ortes werden mit Klängen eines anderen verbunden. Die Verbindung von Kraftwerkssprengung und Knie-OP-Geräuschen empfinde ich als verstörend und poetisch zugleich. Wie entstehen solche Korrespondenzen? Arbeiten Sie assoziativ oder nach einem bestimmten System?

Nach den ersten Erkundungen wurde mir bewusst, dass es aufgrund der Größe des Kreisgebietes auch ein visuelles Element braucht, um die eingefangenen Klänge stärker zuordnen und verankern zu können. So entstand zu jedem Ort ein kurzes Video. Die filmischen Bilder sind dabei stets von ihrem akustischen Material und Kontext geprägt und zeigen einen Aspekt, eine Perspektive oder einen Zustand. Der akustische Beat kehrt etwa im Bildzucken einer Feldbahnfahrt in Lengerich wieder. Und wenn der Bäcker in Mettingen seine Teiglinge auf die Arbeitsfläche wirft, wackelt das Bild beim Aufprall. Im abschließenden Klangfilm werden diese Bilder mit Klängen der Kraftwerksprengung unterlegt. Die Aufnahmen der Sprengung wiederum werden visuell umgekehrt. Die ehemalige Landmarke zerfällt nicht, sondern erfährt ihre Wiederauferstehung. Das Kraftwerk übernimmt in dieser Sequenz ironisch die Rolle des Patienten: Die Klänge der Knie-OP – Hämmern, Fräsen und der typische Herzrhythmus – halten ihn im Bild am Leben, verleihen der massiven Struktur eine beinahe körperliche Präsenz und unterstreichen den Prozess. Auf diese Weise entstehen neue Verbindungen zwischen den Orten, während zugleich Irritationen und Fragen zu den jeweiligen Standorten aufgeworfen werden. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo man sich gerade befindet, was man hört und wie – oder ob – sich das Gehörte überhaupt zuordnen lässt. Durch die Verschiebung von Bild und Ton verweben sich die 24 Orte zu einem audiovisuellen Raumgeflecht, das unterschiedliche Lesarten zulässt. Mich interessieren Ursache und Wirkung, vor allem jedoch jene Momente dazwischen, in denen sich der direkte Zusammenhang auflöst. Erst im In-Beziehung-Treten der Klänge formt sich für mich das akustische Bild der Region. In diesem offenen Prozess rücken die verborgenen Qualitäten der Orte in den Fokus: ihre historischen Schichten, ihre topografische Lage, die Rolle der Menschen und das, was eine Region jenseits klarer Zuschreibungen charakterisiert. Wie klingen Gebäude, welche Vibrationen sind wahrnehmbar, und was zeigt sich, wenn Orte abseits ihrer Funktion untersucht werden? Zwischen Bewegung, Umraum und Nutzung treten Potenziale hervor, die oft im Verborgenen liegen. Ob etwas entsteht oder zusammenfällt ist dabei weniger entscheidend als die Reibung zwischen den Elementen. Deshalb arbeite ich weder streng systematisch noch rein assoziativ, sondern in einem Prozess, der strukturiertes Vorgehen und intuitive Reaktionen miteinander verbindet. So entstehen neue Schnittstellen der Wahrnehmung und ein Gefühl dafür, wie sich eine Region anfühlt. Eine Region, die in dieser Form akustisch nie gleichzeitig erfahrbar ist und dennoch einen Blick in mögliche Zukünfte eröffnet.


Beim Gravenhorster Popcorn wird ein alltäglicher Vorgang zur Klang-Raum-Installation. Was fasziniert Sie am Banalen, Überhörten?

Ich verfolge den Ansatz, dass Kunst Menschen erst dazu befähigt, ihre Umgebung wirklich bewusst wahrzunehmen. Gerade das Banale, das Alltäglich-Selbstverständliche schafft für mich die besten Bedingungen, um an einem Ort eine neue, spezifische Wahrnehmungssituation entstehen zu lassen. Oft unterscheiden wir jedoch schon im Vorfeld zwischen Musik und Lärm und verschließen uns damit der Offenheit für Ungewohntes. Um bereits im Vorfeld punktuell in die Klangwelt einzutauchen, fanden an drei exemplarischen Orten Veranstaltungen statt, die Einblicke in alltägliche Klangwelten gaben und meine Arbeitsweise erfahrbar machten. In einer Installation wurde in einem akustisch besonders spannenden Gewölbesaal auf im Raum verteilten Tellern klingendes Popcorn serviert und man konnte sich – vom Korn bis zur Zubereitung – von den Geräuschen des Popcorns umhüllen lassen. So eröffneten sich neue Perspektiven auf alltägliche Prozesse, die in ungewohnte sinnliche Erfahrungen führten und die Wahrnehmung sensibilisierten. Victor Šklovskij beschrieb die Aufgabe der Kunst treffend: Sie unterbricht gewohnte Wahrnehmungsmuster, verhindert das automatische, begriffliche Erfassen der Welt und richtet die Aufmerksamkeit auf die sinnliche Erfahrung selbst. Durch „Verfremdung“ – das bewusste Brechen vertrauter Erwartungen – wird die Wahrnehmung intensiviert, geschärft und neu ausgerichtet, sodass wir unsere Umgebung unmittelbarer und differenzierter erfahren.


Im Eiskeller Altenberge machen Sie akustische Spuren aus vergangener Zeit erfahrbar. Wie rekonstruiert man vergangene Klanglandschaften?

Das einst zur Kühlung der Bierproduktion eingelagerte Eis der ehemaligen Brauerei wurde akustisch „zum Schmelzen“ gebracht. Zahlreiche Wasserklänge aus dem Kreis Steinfurt – vom einzelnen Tropfen bis zum sanft fließenden Wasser – bilden dabei das Material der rekonstruierten Klanglandschaft. Im dreigeschossigen Eiskeller herrscht beständige Kälte, die Luft ist schwer und feucht, und immer wieder fallen vereinzelt Wassertropfen auf den Boden. Daraus entstand ein ortsspezifisches Klang-Raum-Stück, das die weitläufigen unterirdischen Kelleranlagen durch versteckte Lautsprecher räumlich erfahrbar machte. Der Klangraum entfaltete sich im Zusammenspiel von tropfendem Wasser, den architektonischen Strukturen des Kellers und den Bewegungen der Zuhörenden zu einer sinnlichen Begegnung mit Raum, Geschichte und Klang – eine Erfahrung, die geläufige Vorstellungen zugleich auch hinterfragt.


Welche Rolle spielt Partizipation in Ihrem künstlerischen Konzept?

Zugang, Austausch, Einblick und Teilhabe spielen eine zentrale Rolle für eine intensive Auseinandersetzung mit einem Ort. Beim Gravenhorster Popcorn waren es Maschinen, die das Aufnahmematerial bestimmten, im Eiskeller diente der Raum selbst dazu, diese Spuren überhaupt sichtbar zu machen und in Ochtrup waren es die Menschen, die in einer Mischung aus Workshop und Konzert die unterschiedlichen Spielweisen der Gefäßflöte erprobten und so erst differenzierte Aufnahmen und räumliche Inszenierungen der Flöten ermöglichten. Ohne Partizipation wäre diese vertiefende Betrachtung einer Region nicht möglich. Viele Gespräche, Hinweise und Tipps aus der lokalen Bevölkerung sowie Textbeiträge und Erfahrungsberichte haben das Projekt transdisziplinär erweitert. Ich mag das an multidisziplinären Projekten, wenn sich alles wie ein neuronales Gewebe verbindet, in dem am Ende alle Zahnräder ineinandergreifen und die Synapsen allerorts zünden können.


Inwieweit verstehen Sie Ihre Arbeit als Beitrag zu aktuellen Debatten um Heimat, regionale Identität oder die Wahrnehmung von ländlichen Räumen?

Ein zentrales Element meiner Arbeit ist der Raum selbst, der durch Abgrenzung, Eingrenzung oder besondere Markierung zum speziellen Ort wird. In meinen Arbeiten geht es zunächst um das Einfangen von Kräften – unabhängig davon, ob sie sich mit dem sozialen, architektonischen oder virtuellen Raum beschäftigen. Durch meine Affinität zu Klangkunst und LandArt beschäftige ich mich bereits seit beinahe drei Jahrzehnten mit ortsspezifischen Kontexten. Meine Arbeit thematisiert emotionale Bindungen an Orte, hinterfragt geläufige Wahrnehmungen ländlicher Lebenswelten und setzt sich mit Fragen politischer Teilhabe und narrativer Deutungshoheit auseinander. Darüber hinaus reflektiert sie die stereotype Wahrnehmung ländlicher Räume und die Rolle von Landschaft, kulturellem Erbe und sozialen Interaktionen als zentrale Bezugspunkte für Identität. So versucht meine Arbeit, nicht nur nostalgische Vorstellungen von Heimat zu spiegeln, sondern auch die komplexen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dynamiken, die ländliche Räume prägen, hör- und erfahrbar zu machen.


Ihre Projektwebsite dokumentiert die Orte. Gleichzeitig arbeiten Sie mit bewussten Verschiebungen und Neuverknüpfungen. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen dokumentarischem und fiktionalem Ansatz? 

Für mich ist diese Grenze fließend. Meine Arbeit orientiert sich stark an realen Räumen, deren Geschichte, Spuren und sozialen Kontexten – also an dokumentarischen Elementen. Gleichzeitig entsteht durch die künstlerische Gestaltung, das Zusammenspiel von Klang, Architektur und Bewegungen der Zuhörenden eine inszenierte, narrative Ebene, die eher fiktional wirkt. Ich interessiere mich weniger für eine reine Abbildung von Realität, sondern dafür, Kräfte, Stimmungen und Verbindungen hör- und erfahrbar zu machen. Auf diese Weise entstehen Arbeiten, die einerseits dokumentieren und wahrnehmen, andererseits Räume für Imagination, Reflexion und neue Erzählungen öffnen.


Sound Art bewegt sich zwischen bildender Kunst und Musik. Wie verorten Sie Ihre Praxis in diesem Feld?

Ich verstehe Klang als raumwirksames Material, das sowohl architektonische und soziale Kontexte sichtbar macht als auch ästhetische Erfahrungen ermöglicht. Während musikalische Elemente Struktur, Rhythmus und Dynamik liefern, eröffnet die bildnerische Perspektive Möglichkeiten, Räume, Spuren und Geschichten sinnlich erfahrbar zu machen. Für mich ist Sound Art kein Kompromiss, sondern ein Medium, das beides zugleich erlaubt: das Hören als sinnliche Erfahrung und das Denken über Raum, Geschichte und Identität. 


Ursprünglich kommen Sie aus der Malerei und Architektur …

Der Übergang zur Klangkunst war eine logische Weiterentwicklung meiner künstlerischen Arbeit: Klangfarben und Raum verschmelzen zu neuen Sinneserfahrungen. Grundsätzlich sehe ich mich in der bildenden Kunst verankert, doch in meiner medienübergreifenden Praxis sind die Grenzen fließend, gerade die Schnittstellen und Reibungen zwischen den Gattungen faszinieren mich. Wie kann ein bewegtes Bild zur Skulptur werden, eine Skulptur zu Licht, eine Malerei zu einem Klangraum oder ein statisches Bild zu Film? Frank Lloyd Wright hat es treffend formuliert: „Space is the breath of art.“ Es geht um die Idee, dass Kunst Raum zum Atmen, zum Entfalten braucht.  Sein Wohnhaus „Fallingwater“ ist für mich eines der ersten Werke, in dem Architektur, Skulptur, Klang, Geruch, bewegtes Bild und die haptische Wahrnehmung der Umgebung zusammenkommen. Ursprünglich plante Wright sogar, die Mauern mit Blattgold zu verkleiden, damit sich das Haus stärker in der Umgebung spiegelt. Im Vordergrund meiner Arbeit steht das Erzeugen von Zuständen. Die künstlerische Ausdrucksform entwickelt sich dabei erst im Prozess. Meine Auseinandersetzung mit Raum ist stark von akustischen Erfahrungen inspiriert. Das Gefühl des Umhülltseins spielt dabei eine zentrale Rolle. So wie Klang uns umgibt, sind wir von Sinnen umhüllt, die wahrnehmen, erinnern und verbinden. Die Grundidee meiner raumgreifenden Arbeiten ist dabei stets, Ereignisse und Erlebnisse zu schaffen, sodass an einem bestimmten Ort eine neue, spezifische Wahrnehmungssituation entsteht.

 

Was erhoffen Sie sich langfristig für das Projekt? Soll es über 2026 hinaus weiterwirken?

Die dafür eigens eingerichtete Projektwebseite wird bis Ende 2026 online sein und bietet die Möglichkeit, alltägliche Welten neu zu erfahren und dem Projekt nachzuspüren. Auch der Klangfilm wird dort Ende Januar 2026 präsentiert und soll zudem an unterschiedlichen Orten gezeigt werden. Die Webseite lädt darüber hinaus mit Bildern, Texten und Geschichten zu den Orten zur eigenständigen Erkundung ein. Zudem ist eine Publikation geplant, die die Ergebnisse sowohl dokumentarisch als auch künstlerisch aufbereitet und einem breiteren Publikum zugänglich macht. Ich hoffe, dass das Projekt über 2026 hinaus Wirkung entfaltet, indem es Zugänge zu ländlichen Räumen und ihren Geschichten eröffnet. Es soll nicht nur künstlerische Erfahrungen ermöglichen, sondern auch Debatten über Heimat, regionale Identität und die Wahrnehmung ländlicher Räume anregen. Langfristig soll das Projekt als archivartige Ressource, Inspirationsquelle oder Referenz für weitere künstlerische oder wissenschaftliche Projekte dienen. Ziel ist, dass die Inhalte nicht nur passiv rezipiert, sondern aktiv nachgenutzt, interpretiert oder weitergeführt werden – sei es durch eigene Klangexperimente, digitale Projekte oder weiteren Veranstaltungen.




November 2025

Dr. Sarah Alberti
ist Autorin, Moderatorin und Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf Kunst im öffentlichen Raum, Erinnerungskultur und Kunst und Kultur der DDR.