Bewegung hört man –
eine künstlerische Annäherung
Katharina Veerkamp
Eine Annäherung an Hans-Jürgen Poëtz’ Klangwelt Kreis Steinfurt
Zwischen Stadt und Land verläuft keine feste Grenze. Es ist ein Raum in ständiger Veränderung, durchzogen von Bewegungen, Übergängen und Verbindungen. Im Kreis Steinfurt wird diese Durchlässigkeit sichtbar und hörbar. Hier überlagern sich ländliche Strukturen, Verkehrsachsen, Siedlungsränder und städtische Verdichtungen. Was auf den ersten Blick wie eine stabile Landschaft wirkt, zeigt sich bei näherem Hinsehen und -hören als System permanenter Dynamik.
Selbst auf abgelegenen Wegen bleibt das Geräusch des Verkehrs präsent: ein konstantes Dröhnen, das sich in die Landschaft eingeschrieben hat. Straßen, Autobahnen und Bahntrassen verbinden nicht nur Orte, sie schaffen auch Wege für unbeabsichtigte Mitreisende. An Reifen, Kleidung und Fahrzeugen haften Samen, werden vom Fahrtwind fortgetragen, verwehen und keimen neu. Entlang der Verkehrsadern entstehen so unscheinbare Biotope aus Schotter, Staub und Asphalt, in denen Pflanzen wachsen, die mit Geschwindigkeit umgehen können. Sie besiedeln jene Zonen, in denen sich Natur und graue Infrastruktur berühren, und machen sichtbar, wie stark Landschaft von Bewegung geprägt ist.
Diese Orte interessieren mich als Künstlerin. Nicht als reine Naturräume, sondern als Spuren menschlicher und pflanzlicher Handlung. Es sind Zwischenräume, kaum beachtet, unbeständig und weder Stadt noch Land. Eine Art Niemandsland, das von Nutzung, Unterbrechung und Zufall geformt ist. Mich fasziniert, was dort wächst, wo wir uns nur vorbeibewegen: am Rand, im Übergang, im Schatten der Infrastruktur.
Hier halten sich Pflanzen auf, die Unsicherheiten und Instabilität nicht scheuen. Viele von ihnen gelten als invasiv oder gebietsfremd. An den Rändern können sie überleben, wo andere zurückweichen müssen. Sie erzählen von Mobilität, Anpassung und von einer Landschaft, die sich ständig neu erfindet.
In der Arbeit von Hans-Jürgen Poëtz, der den Klangräumen des Kreises Steinfurt nachspürt, wird die Dynamik der Landschaft auf akustischer und auch visueller Ebene erlebbar. Seine Arbeiten erfassen nicht nur einzelne Geräusche, sondern die Gesamtheit der akustischen Schichten: das Rauschen der A30, das Fließen der Ems, das Brummen der Maschinen, den Rhythmus des Handwerks oder die Stimmen des Alltags. Er verknüpft Klänge und bewegte Bilder aus unterschiedlichen Kontexten und erzeugt so ein vielschichtiges, assoziatives Bild eines Kreises und einer Landschaft.
Poëtz hört auf die Übergänge und Zwischentöne zwischen Natur und Infrastruktur, zwischen ländlicher Stille und städtischer Präsenz. Auf diese Weise wird etwas besonders erfahrbar: die ständige Bewegung, das Überlagern und Verschmelzen von Klängen und Bildern, die sich – wie die Samen – entlang der Wege ausbreiten.
Poëtz zeigt, dass Klang keine Grenzen kennt. Er durchdringt Felder, Dörfer, Gebäude und Straßenränder gleichermaßen und reflektiert Umgebung und menschliche Aktivität.
Die akustisch-visuellen Beobachtungen machen deutlich, dass Landschaft nicht nur aus sichtbaren Formen besteht, sondern ein dynamisches Netz aus Interaktion und Transit ist.
Auch meine eigene Bewegung zwischen Stadt und Land prägt meinen Blick hierauf. Zwischen der städtischen Verdichtung des Rheinlands und der offenen Landschaft des Kreises Steinfurts suche ich nach einem Ort des Ankommens, wohl wissend, dass Bewegung längst Teil meiner eigenen Praxis geworden ist. Je länger ich hier bin, desto deutlicher wird: Das Land ist kein Gegenbild zur Stadt, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln. Auch hier ist nichts still. Die Geräusche sind anders, aber sie tragen dieselbe Unruhe: Motoren, Maschinen, Windränder und Autobahnen.
Vielleicht ist es genau dieses Schwingen zwischen Dynamik und Stillstand, das die heutige Landschaft prägt.
Mich interessiert, wie Pflanzen auf diese Bedingungen reagieren, wie sie sich entlang menschlicher Infrastruktur verbreiten. Wie sie Räume besetzen, die selbst in Veränderung sind und wie wir diese Prozesse wahrnehmen und bewerten. Invasive Arten, Wanderpflanzen oder Pioniere sind Teil eines ökologischen Narrativs, das von Mobilität erzählt. Sie folgen nicht den Grenzen, die wir ziehen. Sie nutzen Gelegenheiten und verwandeln Wege in Lebensräume.
Der Kreis Steinfurt bildet dafür eine besondere Bühne: eine Region zwischen Ballungsraum und freiem Land, zwischen Spuren industrieller Geschichte und landwirtschaftlicher Prägung, durchzogen von Verkehrsadern, Flüssen, Kanälen und Feldern. Diese Mischung aus Bewegung und Beharrlichkeit zeigt sich nicht nur in der Landschaft selbst, sondern auch in der Art, wie wir sie wahrnehmen.
Meine Künstlerische Recherche befindet sich in diesen unscheinbaren Prozessen. Sie ist eine Praxis des Sammelns, Beobachtens und Übersetzens zwischen ökologischen und kulturellen Bewegungen. Wie Hans-Jürgen Poëtz, der die akustische DNA des Kreises Steinfurts erforscht, richte auch ich den Blick auf das Geflecht von Beziehungen eines größeren Ganzen – zwischen Natur und Kultur, Zufall und Kontrolle, Wachstum und Verlust.
Unsere Arbeiten nähern sich diesen Übergängen und Verflechtungen aus unterschiedlichen Perspektiven, jedoch mit einer verwandten Sensibilität für das, was unser Verhältnis zur Welt prägt. Die Grenzen dazwischen bleiben fließend. Vielleicht lässt sich Landschaft nur verstehen, wenn man sie nicht als festen Raum betrachtet, sondern als Zustand von Bewegung. Als fortwährendes Dazwischen, in dem sich alles begegnet, verändert und neu formt.
Katharina Veerkamp, geboren in Mettingen (Kreis Steinfurt), ist eine interdisziplinäre Künstlerin. Sie beschäftigt sich mit der globalen Bewegung von Pflanzen und deren Auswirkungen auf natürliche wie kulturelle Landschaften. Sie untersucht, wie Pflanzen durch menschliche Eingriffe oder Zufälle ihre ursprünglichen Ökosysteme verlassen, in neue Umgebungen gelangen und dort neu bewertet werden, etwas als sogenannte invasive gebietsfremde Arten. In Ihrer Arbeit verbindet sie künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven und eröffnet Fragen nach Zugehörigkeit, Fremdheit und Anpassung.