Klosterklänge –
Ein akustischer Spaziergang
Onno Bargfrede
Ein akustischer Spaziergang durch Gravenhorst und seine Geschichte
Wie klingt der Kreis Steinfurt? Diese Frage stellt sich der österreichische Medienkünstler Hans-Jürgen Poëtz das ganze Jahr über in seinem Projekt „Klangwelt Kreis Steinfurt“. Mit Mikrofonen und Aufnahmegerät ausgestattet, tastet er nach und nach die „akustische DNA“ des Kreises ab und führt selbst den Leuten, die zeitlebens hier gewohnt haben, neue Aspekte ihres Zuhauses vor Augen, besser gesagt, vor Ohren. Ein guter Grund, selbst einmal die Augen zu schließen und die Ohren zu spitzen.
Als Mitarbeiter des DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst ist mir die Klangwelt rund um das ehemalige Zisterzienserinnenkloster wohl am besten vertraut. Bis zur Auflösung des Klosters im Jahr 1808 war hier ein Konvent aus rund einem Dutzend Nonnen und deren Bediensteten ansässig. Historisch betrachtet gelten Klöster als Orte der Stille und Kontemplation. Das Kloster Gravenhorst stellte hierbei sicherlich keine Ausnahme dar. Die Frauen kamen hierher, um in Ruhe, fernab weltlicher Versuchungen, den christlichen Gott zu preisen und – ganz in deren Sinne – für das Seelenheil der Stifterinnen und Förderer des Klosters zu beten. Zusätzlich zu diesen meist aus der eigenen Familie stammenden Zuschüssen hatten die Nonnen gleich mehrere eigenverantwortliche Einnahmequellen, darunter die Klostermühle mit dem zugehörigen Fischteich, das Back- und Brauhaus sowie die Stallungen und eine Schmiede.
Heutzutage, in Zeiten des modernen Tourismus, verwandeln viele der noch bestehenden Klöster das eigene Image als Ort der Abgeschiedenheit in bare Münze. Vor allem die sogenannten „Schweigeklöster“ bieten dem stressgeplagten Menschen des 21. Jahrhunderts eine – zumindest temporäre – Flucht vor dem hektischen und lauten Alltag. Für ein paar Stunden oder mehrere Tage ziehen sich die Menschen in die Stille der Klöster zurück und lassen das Piepen der Handys, das Stampfen der Maschinen und das Brummen der Motoren vor der Pforte zurück, um wenigstens zeitweise ihrer inneren Stimme lauschen zu können.
Wer sich im Gravenhorster Klosterpark nach Stille und Abgeschiedenheit sehnt, erlebt eine Überraschung. Denn nur wenige hundert Meter vom Klosterensemble entfernt erklingt das permanente Rauschen der Autobahn. Die Bundesautobahn 30 führt von der deutsch-niederländischen Grenze bis nach Bad Oeynhausen und streift dabei auch das Tecklenburger Land. Auf Höhe von Hörstel führt die Fernstraße geradewegs am Gelände des DA, Kunsthaus vorbei. Die Geräuschkulisse von rund 50.000 Fahrzeugen, die tagtäglich in beide Richtungen unterwegs sind, empfindet manch einer offenbar als persönlichen Affront.
Doch es gibt auch Gegenstimmen. Nicht wenige empfinden den Gegensatz zwischen dem Kloster als historischem Ort der Stille und dem modernen Klang der Autobahn als spannenden Kontrast. Vor allem unter Künstlerinnen und Künstlern übt die Autobahn eine regelrechte Faszination aus. Im Rahmen des Projektstipendiums KunstKommunikation, von dem Hans-Jürgen Poëtz‘ „Klangwelt Kreis Steinfurt“ ein Teil ist, erreichen das Kunsthaus jedes Jahr aufs Neue Bewerbungen, die sich künstlerisch mit dem Sound der PKW und LKW auseinandersetzen möchten. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Setzt man sich genauer mit dem Ort in seiner heutigen Funktion auseinander, lässt sich die Perspektive einnehmen, dass die Autobahn keinen Gegensatz zum Charakter dieses Ortes darstellt, sie vervollständigt ihn vielmehr. Denn bei allem Bewusstsein für das historische Erbe handelt es sich beim DA um ein Kunsthaus für zeitgenössische Kunst, das sich in seinen verschiedenen Projekten mit Fragen beschäftigt, die sich auf das Hier und Jetzt beziehen. Dies deutet sich bekanntermaßen im Kürzel DA für „Denkmal-Atelier“ an. Mit der Autobahn als Nachbarin ist das DA, Kunsthaus fest in der Gegenwart verankert, im Guten wie im Schlechten. Sinnbild für Schnelligkeit und Fortschritt, aber auch als Ausdruck von Hektik, Lärm und Umweltbelastung.
Schon in früheren Zeiten mag es in Gravenhorst angesichts der Arbeit rund um das Kloster alles andere als ruhig zugegangen sein. Nicht selten sahen sich die Nonnen kriegerischen Auseinandersetzungen, Plünderungen und Zerstörungen ausgesetzt, wie die diesjährige historische Präsentation „WETTER. KRIEGE. PLAGEN.“ anschaulich zeigt. Und auch in den 200 Jahren zwischen der Auflösung des Klosters und der Eröffnung des Kunsthauses lässt sich Gravenhorst kaum als Ort der Stille vorstellen. Immerhin machte das ehemalige Klostergebäude in dieser Zeit einen Wandel von einer Eisenschmelzhütte über eine Dampfmaschinenfabrik bis hin zu einem Kriegsgefangenenlager durch. Was sind da schon ein paar Motoren, die durch die Bäume schallen?
Nicht zuletzt gibt die A30 keineswegs den Ton in Gravenhorst an. Wer im Klosterpark steht und die Augen schließt, kann eben noch so viel mehr hören: die Vögel, die in den Bäumen zwitschern, das Wasser, das in der Gräfte plätschert, der Wind, der durch die Bäume streicht, der Kies, der unter den eigenen Füßen knirscht. Da ist Kinderlachen, das vom Labyrinth herüberweht, Gläserklirren aus dem Innenhof, gedämpfte Stimmen, leise Schritte, die von den alten Mauern widerhallen. Geschichte und Gegenwart, in Eintracht vereint.
Onno Bargfrede ist stellv. Leiter des DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst und dort für das Marketing sowie die Betreuung des Projektstipendiums KunstKommunikation zuständig.